Offener BDSM- und Fetisch-Stammtisch Köln

Urolagnie – die sexuelle Lust am Urin

Als Urolagnie – auch Urophilie – wird die sexuelle Vorliebe für den eigenen und/oder fremden Urin bezeichnet. Die sexuelle Stimulation kann durch den Geruch, den Geschmack, das Einnässen, das Anurinieren des Partners oder von ihm anuriniert werden erfolgen. Im BDSM-Kontext kann Urin Mittel als »Demütigung«, »Bestrafung« oder »Belohnung« benutzt werden, wobei die »Demütigung« nicht zwingend darin bestehen muß, daß der Aktive den Passiven anuriniert, seinen Urin zu trinken gibt oder er sich einnässen muß, es sei auf Befehl oder er sich in einer grundsätzlich in einer Lage befindet, in dem es ihm unmöglich ist, ein WC aufzusuchen und er somit irgendwann seinen Blaseninhalt nicht mehr zurückhalten kann, sondern der Aktive kann den Passiven ebenso dazu »zwingen« ihn anzuurinieren oder ihm seinen Urin zu trinken zu geben, oder ihm beides als »Belohnung« gestatten. Wer sich anurinieren läßt, muß nicht zwingend in der Hierarchie unten sein.

Den britischen Sexualforscher Havelock Ellis (* 2.02.1859, † 8.07.1939) beispielsweise hat seine Neigung für Urolagnie dahin gehend beeinflußt, sich mit den sogenannten »Perversionen« (heutzutage durch das freundlichere »Paraphilie« ersetzt) differenzierter als seine Zeitgenossen, deren Einstellung zur Sexualität und ihren zahlreichen, überwiegend harmlosen Spielarten vornehmlich durch religiöse Überzeugungen geprägt war, auseinanderzusetzen, wie er in seiner spät erschienen Autobiographie bekannte.

Beim gesunden Menschen ist Urin weitgehend keimfrei. Die wenigen Bakterien, die sich im frischen Urin befinden, stammen aus der Harnröhre und sind für gesunde Menschen harmlos. Bei einem kranken Menschen als Spender ist bei oraler Aufnahme Vorsicht geboten, da die Möglichkeit von Infektionen besteht, besonders Risiko stellt dabei Hepatitis A dar. Ebenso kann die regelmäßige Einnahme bestimmter Medikamente des Spenders beim Empfänger Probleme verursachen. Im Zweifelsfall sollte sich bei einem Urologen über mögliche Risiken und Unverträglichkeiten informiert werden. Praktisch ungefährlich ist der Fluß von Urin über gesunde, unverletzte Haut. Von altem, abgestandenen Urin ist auf Grund der Verkeimung und der chemischen Zersetzung abzuraten, da dieser ein nicht zu kalkulierendes Risiko darstellt, besonders bei oraler Einnahme. Für die meisten besteht der Reiz ohnehin im Geruch, Aroma und der Körperwärme des frischen Urins, während sie sich von dem penetranten Geruch alten Urins stark abgestoßen fühlen.

Je nach genossenen Speisen, Getränken und Gewürzen nimmt Urin deren Geschmack und Geruch verschieden intensiv an. Bei reichlichem Genuß von Wasser und Tee, was auch relativ schnell stark harntreibend wirkt und für ausgiebige sexuelle Spiele mit Urin zu empfehlen ist, ist er nahezu geruchs- und geschmacksneutral, von einem leichten Salzgeschmack einmal abgesehen, der aber unter Umständen mehr an ein schales Mineralwasser als an Urin erinnert. Dagegen erzeugen bestimmte Nahrungsmittel und Getränke, wie beispielsweise Ananassaft, Spargel und Kaffee, sowie Bier einen intensiven Geschmack und Geruch des Urins, der überwiegend als anziehend wie bei Ananassaft oder abstoßend, wie bei Spargel, Kaffee und Bier empfunden wird. Selbstverständlich ist das individuell anders, was dem einem gefällt, stößt den anderen ab und umgekehrt. Das Wissen um die unterschiedlichen geschmacklichen und olfaktorischen Vorlieben wird im BDSM-Kontext nur zu gerne als strafend bzw. belohnend eingesetzt.

Urin ist nicht nur in der menschlichen Sexualität von Bedeutung, sondern und vor allem im Tierreich, wenn auch aus anderen Gründen. Zur Brunftzeit ist der Urin vieler Tiere mit Sexuallockstoffen durchsetzt. Männliche Bären wälzen sich sogar im Urin von paarungsbereiten Bärinnen.

Auch in der Kunst und der Mythologie kommt Urin eine besondere Bedeutung zu. Anurinieren stellt eine Metapher für die sexuelle Vereinigung und die Fruchtbarkeit dar. Cupido richtet seinen Urinstrahl durch einen Myrtenkranz, den Venus hält, auf ihren mit Rosenblättern bedeckten Schoß.


Gemälde von Lorenzo Lotto, ca. 1540 (Quelle: Wikimedia)
 

Menschen besitzen aus den unterschiedlichsten Gründen eine sexuelle Vorliebe für Urin, auch das Entleeren einer übervollen Blase erzeugt ein besonderes Lustgefühl. Da ist das zutiefst Intime, sich vom geliebten Menschen anurinieren zu lassen und ihn anurinieren, oder dessen Urin oral aufzunehmen, weil es ein Teil seiner Person, seines Körpers ist, »jemanden zum Fressen gern haben«, »ihn (bzw. Teile von ihm) sich einzuverleiben« auf harmlose Weise und das sooft einem danach ist. Die besondere Freude am Herumferkeln und dem Brechen vermeintlicher Tabus – man bezieht etwas ins Sexualleben ein, das gesellschaftlich mit Ekel und Unreinheit belegt ist, das persönliche und recht harmlose Aufbegehren gegenüber Normen – dazu zählt das bewußte Einnässen in Kleidung oder ins Bett – sehr wahrscheinlich werden mehr Inkontinenzlaken von Menschen gekauft, die gar nicht darunter leiden – das Tragen und Einnässen von Windeln, aber sich ebenso in Kleidung von Partner anurinieren lassen, besitzt für manche seinen besonderen Reiz. Im Gummifetischismus und beim Gummisex spielt für viele Menschen Urin eine besondere Rolle und nicht nur, weil Gummi gegenüber allen Körperflüssigkeiten und Körperausscheidungen unempfindlich und leicht zu reinigen ist. Manche behaupten sogar, daß Urin und Gummi zusammengehören und Urolagnie für sie nicht nur in Verbindung mit Gummi reizvoll ist, sondern zwangsläufig dazu gehört. Verschiedene spezielle Kleidungsstücke aus Gummi für Spiele mit Urin sprechen für sich. Bei der sogenannten Weißen Erotik, den Klinikspielen, stellt Urin gleichfalls einen wichtigen Teil dar – Katheter setzen und dergleichen.

Es finden an verschiedenen Orten regelmäßig Parties in einschlägigen Locations statt, die sich rund um die Lust am Urin drehen, da nicht wenige Menschen das gegenseitige Anurinieren, das sexuelle Spiel mit Urin überhaupt, unter Gleichgesinnten, die ihnen ansonsten fremd sind, besonders genießen. Hierbei sollte allerdings jeder Teilnehmer beachten, daß er den Urin eines ihm Unbekannten lediglich über den Körper laufen läßt und Menschen, die relevante Erkrankungen haben und spezielle Medikamente einnehmen müssen, die anderen darüber informieren, oder solchen Parties generell fern bleiben, um andere nicht zu gefährden.

Wie weit Urolagnie außerhalb von BDSM und (Gummi-)Fetischismus verbreitet ist, läßt sich allenfalls vermuteten, da die Datenlage mehr als dürftig ist. Wahrscheinlich ist die Verbreitung ohnehin höher als man allgemein glaubt. Berücksichtigt man die unzähligen erotischen Videos und Bilder, die zum Thema über das Netz abrufbar sind, spricht es für eine weite Verbreitung, zumindest für ein größeres Interesse daran.

Unter Beachtung der bereits erwähnten besonderen medizinischen Gegebenheiten spricht im Grunde nichts gegen die Freude an dieser harmlosen sexuellen Spielart.

 

© Armin A. Alexander