Offener BDSM- und Fetisch-Stammtisch Köln

Fetischismus – Kultivierung des Sexuellen

Ihm sagen die über die Knie reichenden Röcke, die nahezu wadenlangen, mehr zu. Die nur die Hälfte der Waden zeigen, den Beginn dieser mal mehr weniger ausgeprägt geschwungenen Linie, die Fesseln. Den Rest gibt er lieber seiner Phantasie anheim. Zarte Strümpfe in allen Farben und hochhackiges Schuhwerk, bevorzugt mit schlanken, nicht zwingend dünnen Absätzen, sind seinen Augen ein Labsal. Aber auch flache Schuhe können unter Umständen einen reizvoll harmonischen Abschluß bilden.

(Zitat aus der Erzählung »Ein Bewunderer«)

 

Ein Zitat mit unverkennbar fetischistischem Bezug, das zugleich gut das Wesen des Fetischismus beschreibt. Das Zitat ist aus der – männlichen – voyeuristischen Sicht; bezeichnen wir es einmal als passiven Fetischismus. Er genießt den Anblick zartbestrumpfter Frauenbeine nicht nur, weil sie für ihn ein erotisches Stimulans sind, sondern auch, weil sie nicht alle natürlichen Reize entblößen, sondern teilweise verhüllen. »[...] Den Rest gibt er lieber seiner Phantasie anheim. [...]« Fetischismus als Reiz der verheißungsvollen Verhüllung, die zwar einiges sehen, aber noch mehr Raum für die Phantasie läßt. Doch davon später noch.

Fetischismus ist gleichermaßen die Freude am Betrachten einer reizvollen »Verpackung« wie auch der Genuß an »Verkleidung«, am Tragen dieser »Verpackung«.

Fetischismus – mit diesem Wort verbinden die meisten zuerst etwas, das sich nicht so recht mit der Vorstellung von »Normal« vereinbaren lassen will, vor allem für Menschen, die noch nie die Entstehung und die Absicht von gesellschaftlichen Normierungen hinterfragt haben. Zwar wurde Fetischismus nie so geächtet, wie es beispielsweise der Homosexualität oder dem Sadomasochismus (BDSM) widerfahren ist, denn der Fetischist pflegt in seinem Sexualverhalten eher selten von der geduldeten »Norm« abzuweichen, aber wirklich toleriert wurde auch er nicht und sein Verhalten wurde ebenfalls als »Krankhaft« angesehen.

Fetischismus – Wortstamm: Fetisch. Ursprünglich wurde mit Fetisch ein religiöser Kultgegenstand von sogenannten Naturvölkern bezeichnet und Fetischismus als Verehrung und Glaube an die übersinnliche Kraft von Fetischen. Im Prinzip sind Kruzifixe und Madonnenstatuen nichts anderes als Fetische, denn auch ihnen wird eine besondere Kraft unterstellt. Doch das ist ein anderes Thema.

Der französische Psychologe Alfred Binet dehnte 1887 den Begriff des Fetischismus vom Bereich des Religösen auf das Sexuallebens aus. In den folgenden Jahren wurde nicht nur die sexuelle Hingabe zu Gegenständen, sondern auch zu einzelnen Körperteilen als Fetischismus bezeichnet und als grundsätzlich krankhaft beschrieben.

Eine Gesellschaft wie das Patriarchat, die gezwungen ist, Sexualität streng zu reglementieren, um sicherzustellen, daß Vater und Sohn unzweifelhaft genetisch miteinander verwandt sind, mußte letztlich auch etwas ansich so harmloses wie den Fetischismus als »krank«, als »Perversion« darstellen. Jedes Zugeständnis zur Abweichung von der Regeln ist zugleich Gefahr für die Regeln insgesamt, selbst wenn begrenzte Toleranz das System bei weitem noch nicht in Frage gestellt, sondern erträglicher gemacht hätte. Fetischismus bedeutet schließlich nichts weniger als Spaß am eigenen Körper, am Körper des anderen, am Körper an sich.

Fetischismus hat viele Gesichter

Die Freude am Tragen, am Anblick bestimmter Materialien: Die »Klassiker« sind Leder, Gummi/Latex – wobei Latex der Rohstoff und Gummi das Endprodukt ist – Lack, Seide und von den Eigenschaften her verwandte Materialien wie bspw. Nylon und PVC. Doch auch Wolle oder Baumwolle können für manche durchaus fetischistisches Potential beinhalten. Getreu der Erkenntnis, das größte Sexualorgan des Menschen ist die Haut. Bestimmte Materialien finden Bevorzugung, weil sie sogenannte Hautschmeichler sind – z. B. Gummi, Seide und verwandte – Leder ist Haut.

Wobei der Gummifetischismus eine Spielart darstellt, die auf ihre Weise durchaus etwas Besonders darstellt und eine eigene Betrachung verdient.

Das wichtigste Sexualorgan ist übrigens das Gehirn.


Ein zartbestrumpftes Frauenbein und Schuhe

Die Freude am Anblick, am Tragen bestimmter Kleidungstücke: Korsetts, Nylonstrümpfe, Schuhe und Stiefel, bevorzugt mit hohen Absätzen aber nicht zwingend, bei Stiefeln gewinnt die Schafthöhe, die im Idealfall bis hinauf zum Schritt reichen kann, einen zusätzlichen Reiz, auch damenhaft elegante Kleidung besitzt ein nicht zu unterschätzendes fetischistisches Potential, wie es auch genug Menschen gibt, die einen Fetisch für Uniformen haben, selbst wenn sie insgesamt dem, was diese Uniformen im Alltag verkörpern, ablehnend gegenüberstehen.

Fetischismus ist aber auch die Lust an der Verkleidung. Eine Frau in hautengem Leder, Nylons und Schuhwerk mit turmhohen Absätzen wirkt nicht nur anders als in Jeans, Pullover und flachen Schuhen, sondern sie fühlt sich auch anders. Sie zeigt damit eine andere Facette ihrer Persönlichkeit. Das kann die unerbittliche Domse sein oder die extravagante Person, die sich gerne anders als die breite Masse kleidet, sich damit bewußt aus dieser herausheben will. Wer bspw. ganz in Leder gekleidet ist, der wirkt nicht nur anders, der fühlt sich gemeinhin auch anders. Leder ist nicht nur ein Synonym für Dominanz, sondern auch für urwüchsige Männlichkeit, für Robustheit. Lederbekleidung steckt Behandlungen weg, bei der Stoffe längst kapituliert haben.

Es wird meist von Ver-kleiden gesprochen, handelt es sich dabei nicht vielmehr um ein Ent-kleiden? Signalisiert der Betreffende damit nicht eher, hier präsentiere ich eine andere Facette meiner Persönlichkeit? Zeigt er mit seiner »Verkleidung« nicht viel eher sein »Wahres Gesicht«? Zwingt der Alltag die Menschen nicht vielmehr zur Verkleidung? Nicht umsonst wird von »Alltagskleidung« gesprochen, die trotz der implizierten Beständigkeit starken modischen Schwankungen unterworfen ist. Was heute als »Alltagskleidung« gerade in der Frauenmode gilt, hätte vor einhundert Jahren einen gewaltigen Skandal und den Vorwurf von Sittenlosigkeit und Zurschaustellung erzeugt.

Fetischismus ist aber auch die Freude
an einer schönen »Verpackung«


Ein Klassiker: Das Korsett hier aus Lack

Das Eingangszitat beschreibt es. Der Fetischist möchte, daß seine Phantasie angeregt wird. Hinter einer Frau, die Nylons, hochhackige Schuhe, die in damenhafter Eleganz gekleidet ist, vermutet er – mitunter zu recht – etwas anderes als ein braves Hausmütterchen. Daß der Umkehrschluß bedeutend irreführender sein kann, muß hier erwähnt werden.

Der Mensch ist nun einmal empfänglich für eine schöne Verpackung, niemand hat das besser als die Marketingabteilungen erkannt. Reizvolle, bunte Verpackungen blicken uns in allen Geschäften entgegen, ob es sich dabei um ein simples Grundnahrungsmittel wie Milch oder um sogenannte Konsumgüter handelt. Sie alle sprechen eine besondere Verheißung aus. Heere von Designer beschäftigen sich tagtäglich damit, Verpackungen zu ersinnen, die aus dem Inhalt etwas Besonders machen, selbst wenn wie bei den meisten Grundnahrungsmittel an diesen absolut nichts Besonderes ist.

Warum also sollte der Mensch sich selbst nicht auch reizvoll »verpacken«? Sei es nur für sich selbst, oder für einen bestimmten Menschen? Schließlich gibt man sich ja auch Mühe mit der Verpacken eines Geschenks für einen Menschen an denen einem etwas liegt.

Fetisch ist ebenso:
»Die Wohlfühlsachen anziehen«

(Zitat einer Freundin.)

 


Ein weiterer fetischistischer Klassiker: Der Lederrock

Kleidung ist für den Menschen eben nicht lediglich Schutz vor äußeren Einflüssen wie Witterung oder Schadstoffen, sondern mit Kleidung wird auch einem besonderen Anlaß gehuldigt. Die Abendgarderobe fürs Theater, die Oper, den Empfang, das eher schrille Outfit für die Party, das gedeckte für traurige Anlässe.

Warum also sollte ein so erfreulicher, besonderer und wesentlicher Teil im Leben wie Sex nur nackt stattfinden? Der Mensch mit dem man Sex hat, ist für einen schließlich etwas Besonderes, andernfalls hätte man – zumindest in der Regel – keinen Sex mit ihm. Im Gegensatz zu allen anderen Anlässen bestimmen die Beteiligten hier selbst, was »angemessen« ist. Erlaubt ist, was gefällt, findet hier seine uneingeschränkte Anwendung. Hier ist es völlig unwichtig, was Dritte darüber denken mögen, abgesehen davon werden sie es ja ohnehin nie erfahren. Was für die einen als vollkommen abgedreht erscheinen mag, ist für andere genau das Richtige.

Selbstverständlich gibt es genug Menschen, für die ist gerade Nacktheit das einzig Angemessene in ihren Augen. Sie würden weder sich selbst noch von anderen als Fetischisten bezeichnet werden, aber vielleicht ist Nacktheit ihr Fetisch? Womit wir beim Körper, bzw. Körperteilen als Fetisch angekommen wären.

Vernachlässigen wir an dieser Stelle einmal die Überlegung, ob ein Körper oder Körperteile in der ursprünglichen Bedeutung von Fetischmus überhaupt ein Fetisch sein können. Andererseits präferieren die meisten beim Anderen bestimmte physische Eigenschaften. Große Brüste lassen die Herzen vieler Männer und auch Frauen höher schlagen. Ein knackiger Po erfreut ebenso bei der Frau wie beim Mann. Haare, besonders lange, sind gleichfalls ein Fetisch. Sie besitzen sogar eine magische Bedeutung. Als Beispiel sei Samson und Delila genannt. In Samsons langen wallendem Haar lag das Geheimnis seiner Stärke und Unbesiegbarkeit. Als Delila ihm mit Hilfe einer List die Haare scheren kann, verliert Samson seine Kraft und Unbesiegbarkeit und wird bezwungen. Auch weitere Körperteile wie Hände – am besten noch von hautengen, langen weichen Leder- oder Latexhandschuhen umschlossen –, und Füße – besonders weibliche, ob zartbestrumpft oder nicht, die Nägel blutrot lackiert – üben auf nicht wenige Menschen eine fetischistische Faszination aus, wie auch der Körperbau an sich; die einen mögen das Schlanke, Hagere, während andere sich von üppigen Rundungen deutlich stärker angezogen fühlen und ihre Partnerwahl darauf ausrichten. Wobei wohlgerundete Frauen in den klassischen Fetisch-Materialien wie Latex/Gummi, Leder und Lack besonders reizvoll wirken, und ein Korsett schreit förmlich nach ausgeprägten Rundungen.

Der Mensch ist ein Kulturwesen, warum also sollte es im Sexuellen anders sein? Nur weil es ein paar Menschen gibt, die Angst vorm Leben, vor Freiheit und Selbstbestimmung haben, gerne so sehen würden? Zum Glück leben wir in unseren Breiten in einer post-patriarchalischen Gesellschaft mit mühsam erkämpften Freiheiten für das Individuum. Diese gilt es zu nutzen, damit sie sich im Bewußtsein aller festigen und keiner mehr ihren Sinn anzweifeln kann.

Wer einen Fetisch hat, sollte dazu stehen, ihn genießen, denn er bereichert das Leben. Und wer keinen hat, hat seinen persönlichen vielleicht nur noch nicht entdeckt.

 

© Armin A. Alexander